Der Lärm der Großstadt

Tag gegen den Lärm

Der internationale Tag gegen den Lärm war gestern, am 25. April. Habe ich überhört. Habs im ZDF gesehen und da hieß es mal wieder, Lärm sei gesundheitsschädlich und jeder von uns wäre verschiedenen Lärmquellen ausgesetzt, was folgen hätte für Gesundheit und Lebensqualität. Besonderes Straßenlärm würde von vielen (60 %) als starke Belästigung empfunden. Fluglärm gehört natürlich auch dazu. Rund 40 % beklagten sich über zu laute Nachbarn, wovon ich ein Lied singen könnte. Wer also dauerhaft Lärm ausgesetzt wäre, könne davon sogar krank werden. Keine Frage. Deshalb will man jetzt schon vor allem Kinder in der Schule auf die Gefahren von Lärm aufmerksam machen!

Wenn ich persönlich so nachdenke, hätte ich meinen Nachbarn, der damals über mir wohnte, damals aus dem Fenster werfen sollen. Der war immer so dermaßen besoffen und hat mit seinen dämlichen Kumpanen sogar mal um 3 Uhr morgens angefangen auf dem Dielenfußboden zu kegeln. Ich könnte darüber länger erzählen, aber seit dem habe ich null Toleranz gegen Lärm in der Nachbarschaft und interveniere sofort mit einer ganzen Palette an Maßnahmen.

Dabei bin ich selber Rock-Musiker und mit Lärm quasi sozialisiert. Was haben wir die Bude gerockt damals. Wir konnten in Willis Keller proben. Seine Eltern hielten das in der ersten Etage irgendwie aus. Es war ein Einfamilienhaus und ab und an zickten dann auch die Nachbarn rum. Denn wenn die Kellertür aufging und wir gerade ein Gitarrensoli übten, dran der Terror ungehindert ins Freie. Auch wilde Partys haben wir dort gefeiert. Willi hört übrigens sehr schwer und das wurde schon beim Schularzt festgestellt.

Lärm ist Terror, nackter Terror. Er legt dir die Nervenenden frei und lässt die Haare zu Berge stehen. Aber offenbar geht das nicht allen so. Während in den Nachrichten also von einen gehörigen Anzahl von Menschen berichtet wird, die unter Lärm leiden, stelle ich immer wieder fest, dass viele Menschen regelrecht abgestumpft sind. Oder hören sie nur schwer? Ein Viertel aller Jugendlichen soll schwerhörig sein. Das Ohr ist außerdem so konstruiert, dass ein Hörschaden sich erst in späteren Jahren auswirkt und irreversibel ist. Also, so sollte man denken, ist es besonders wichtig, den Lärmschutz ernst zu nehmen und recht vorsichtig mit seinen Ohren umzugehen. Aber nichts da. Wer schon mal eine Techno-Party besucht hat, ein GOA-Konzert im Freien, der weiß wo der Hammer hängt. Sicher nicht mehr auf dem Amboß.

Wenn man in einer modernen Großstadt lebt, in einer Metropole, ist man ungeheuer viel auch lauten Geräuschen ausgesetzt. Gerade in attraktiven Wohngegenden im citynahen Bereich ist der Lärmpegel am Höchsten. Nur scheinen sich die allermeisten Menschen damit abgefunden zu haben. Aus irgendeinem Grund scheine ich besonders sensibel auf Lautstärken zu reagieren. Mir fällt der Irrsinn einfach auf. Natürlich, das war schon damals uncool, Ohrstöpsel zu benutzen. Und wenn ich an einem Ort bin, wo laute Musik erwartet wird, stopfe ich mir mindestens ein paar Fetzen Taschentuch in die Gehörgänge. Aber oft scheine ich der einzige zu sein, der bereit ist, sein Hörvermögen zu schützen. Warum ist das so?

Wenn ich morgens meine kleine fast 3-jährige Tochter auf ihrem Dreirad zum Kindergarten schiebe, müssen wir leider an einer vielbefahrenen Straße entlang scharwenzeln. Schnell ist das Gebiet mit einer stinkenden Blechlawine vollgesaut. Uhr vollgestopft. Der Verkehr “fließt” aus Richtung Autobahn in Richtung Stadt. Das ist ein Lärm morgens, da fällt einem eigentlich nicht mehr ein. Die kleine Maus sitzt nun auch noch auf Auspuffhöhe in dem Bereich, in dem es am Lautesten sein muss. Aber das interessiert niemanden. In der Rush Hour kommen die Wagen eh kaum voran, was bleibt sind die Abgase und … der Lärm. Ich finde das ganz furchtbar und unsäglich verlogen von “der Gesellschaft”. Die Menschen scheinen taub und gleichgültig. Man nimmt Lärm und Gift in Kauf, um mit seiner Blecfhütte tagtäglich zur Arbeit zu stauen. Natürlich ernährt man sich gesund und treibt Sport, ist gegen Atomstrom und für Natur. Man nimmt sogar die ganzen Verkehrstoten in Kauf. Wieviele Kinder sterben jährlich auf unseren Straßen? Ich will das gar nicht wissen. Aber mir fällt auf, wie gleichgültig, abgestumpft und unsensibel die meisten Menschen zu sein scheinen.

Stille
Stille

Es bleibt ja nicht aus in der Masse, in der Enge der Großstadt, im Lärm und Geschwätz der Millionenmetropolen abzustumpfen, gefühllos zu werden, seine Individualität, sich selbst zu verlieren um den Schmerz, den das alles bereit, nicht mehr zu spüren zu müssen. Das ist Lärm. Das ist Gleichgültigkeit. Sensibel nur noch in Bezug auf narzißtische Kränkungen. Das Ich ist so laut. Wie will man das bekämpfen. Um all dem Herr zu werden, brauchen wir etwas ganz anderes, ganz andere Formen des Zusammenlebens, wie sie aktuell nur von sehr, sehr wenigen Menschen vorsichtig angedacht werden.

Und so erinnere ich mich gerne an die Stille oben in den Bergen auf meiner Lieblingsinsel. Da ist Frieden. Und diese Ruhe ist so dermaßen laut, weil man kein Motorengeräusch, kein Auto mehr hört. Nur den Wind, der vom Meer aus über die alten Vulkane durch die Zweige der Kiefern zieht. Auf seinem weiten Weg hin zu den Menschen um ihre Luft zu reinigen und sie am Leben zu erhalten, ja, sie zu schützen vor sich selbst. Dort oben bin ich am Liebsten.

www.tag-gegen-laerm.de

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